WAZ: Wenn ein kleines Dorf wie Millingen Karneval feiert

Quelle: WAZ vom 1.2.2016

Rheinberg-Millingen.   Seit 60 Jahren gibt es dort organisierten Frohsinn. Das spiegelt auch das Motto: „Seit 60 Jahren geht es rund – zum Aufhör’n gibt es keinen Grund“

„Seit 60 Jahren geht es rund –zum Aufhör’n gibt es keinen Grund“. Täte man es doch, wäre es in vieler Hinsicht schade, es wäre ein Verlust an ehrenamtlichem bürgerschaftlichen Engagement Vieler, an viel Freude und noch viel mehr Spaß. Gemeint ist der Karneval im Rheinberger Straßendorf Millingen. Seit nunmehr 60 Jahren findet der wieder organisiert statt, eigentlich kein „närrisches Jubiläum“, weil die Narrenzahl Elf nicht drin vorkommt. Doch trotzdem ist es ein Grund zu feiern wie jedes Jahr in der Zeit von Elften im Elften bis Aschermittwoch, mit eigener Prinzessin oder Prinzen, mit Büttensitzungen, Elferrat und einem fröhlichen, fast familiärem Umzug.

Was auch in den benachbarten Gemeinden, in Rheinberg-Mitte, Orsoy, Ossenberg oder Wallach stattfindet. Doch Millingen wäre nicht Millingen, wenn es nicht noch eine besondere Eigenart hätte. Büttensitzungen, närrische Tollitäten, Straßenkarneval sind nicht in der Hand eines klassischen Karnevalsvereins wie anderswo, sondern unüblich, vielleicht sogar einmalig, in der Obhut einer Schützenbruderschaft. Die St.-Ulrich-Schützenbruderschaft steht natürlich in der Tradition Jahrhunderte alter anderer, aber sie hat auch einen eigenen Elferrat. Und der ist es, der Jahr für Jahr ein großartiges närrisches Programm aus dem Boden stampft, wie die beiden Büttensitzungen, alles mit begabten Eigengewächsen.

Am Wochenende war es wieder so weit. Freitagabend startete die erste Sitzung – wie immer in Millingen natürlich ausverkauft, eine Sitzung vor halb leerem Saal oder gar abgesagt, wäre undenkbar. Obwohl vor fast zehn Jahren beinahe das Aus gekommen wäre. Das alte Bienenhaus, die Traditionsgaststätte mit dem tollen Saal, mit der schnuckeligen Bühne kam unter den Hammer. Mit einigen Geburtswehen opferten die Millinger Sportler für zwei Wochen die Sporthalle der Grundschule.

Die ist für eine karnevalistische Woche nicht mehr wieder zu erkennen. Wie jetzt. Nichts erinnerte Freitagabend daran, dass an den anderen 50 Wochen Sportler dort zu Hause sind. Vor der Kopfseite eine große Bühne für die aktiven Narren, darüber die Elferratsempore. Dort, wo sonst im Nebenraum Tennisplatten, Böcke und Kästen oder Barren abgestellt sind, prangte eine große Theke. Wände und Decke hätte Verpackungskünstler Christo nicht besser und bunter verstecken können.

Und dann erklang es wie jährlich, jetzt schon im siebten Jahr. Der Elferrat der Bruderschaft, gerade erst mit dem Millinger Tambourcorps eingezogen, fetzte. „Jetzt geht’s los, wir sind nicht mehr aufzuhalten: Hier spielt die Musik.“ Auch die junge Millinger Prinzessin Steffi I., die Kreative, noch ein wenig nervös, meisterte ihre Auftritt. Dann gab es ein Programm, Schlag auf Schlag, das die Millinger Narren begeisterte. Besser hätte es auch in der Rheinberger Stadthalle, wo gerade die zweite Sitzung der Rhinberkse Jonges lief, nicht sein können, die Millinger Büttenredner standen um nichts nach.

Den Eisbrecher machte die Vorjahresprinzessin Petra Heinen als Pechvogel. Im Bademantel, auf Krücken., von unzähligen Pflastern, blauen Flecken und einer dicken Beule samt blauen Auge, schilderte sie ihr Missgeschick. Ein Unglück kommt selten allein. So hier. Um vier in der Nacht wach geworden wollte sie zur Toilette, rammte mit Zeh und Urschrei den Bettpfosten, dann die aufstehende Tür, die für die Beule sorgte. Kühlen soll man die, also runter zum Kühlschrank. Nur eine Tüte Erbsen war da, hatte ein Loch. Auf denen auf dem Boden tanzend folgte der Fall auf den Steiß. Beim Kaffeekochen fiel die Kanne, blutende Schnitte die Folge. Die Idee: Jetzt erst mal dusche. Noch eine Beule die Folge, die Küchentür. In der Dusche der Griff zum Shampoo, die Haare eingeseift. Doch die falsche Flasche gepackt: Schamhaarentferner war drin. Als sie die Mütze abzog, fiel auf der Bühne noch ein Büschel, da prangte eine Glatze (eine glatte Bademütze). Doch wer den Schaden hat, erntet nur Spott. Elferrat und Publikum tobten. Auch Petra lachte: „Zwei Wochen Partnerlook“, denn ihr Mann, der später als Fahrer des Bürgermeisters für Lacher sorgte, ist auch blank. „Und die Moral von der Geschicht: Wenn Du aufstehst, mache Licht.“

Auch die folgenden Bütten waren köstlich. Dagmar und Thomas Gilles fetzten sich. Er als Vertreter des starken Geschlechts bekam reichlich Kontra, Thomas Coenen und Detlef Scholz, jedes Jahr eine Bank, präsentierten als Schön und Bissig ihre Stammtischgeschichten, Paul van Holt, wie Mario Heinen aus der Stadthalle kommend, begeisterte als Bauchredner, „Die drei ärmen Dollen“ waren auf der Jagd und Sabrina Wohlan und Veronica Gehnen präsentierten eine musikalische Pantomime, ihnen folgten drei Millinger Zuckerpuppen, der Elferrat geriet als die „Millinger Elfis“ ins Discofieber und die sechs Sandhasen machten mal wieder auf kölsche Lieder.

Es ging richtig rund in Millingen, Die Oschauer Funken als tolle Tanzgarde, eine Solotänzerin und das Stadtprinzenpaar Moers als Besucher wie auch die Rhinberkse Jonges, das 1. OKK Orsoy, KAG Ossenberg und Rot-Weiß Borth sowie die 1. KG Rheinberg-Nord.

Peter Bußmann


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